Chronik

Albert-Richter-Kampfbahn

Das letzte Kapitel

Mit der Albert-Richter-Kampfbahn endet die Bahnrad-Geschichte in Halle

Es ist das Jahr 1967. In Berlin wird der Student Benno Ohnesorg während einer Demonstration von einem Polizisten erschossen, in den USA beginnen schwere Rassenunruhen in deren Zusammenhang Martin Luther King seine erste öffentliche Rede hält, in Südamerika wird ein gewisser Che Guevara erschossen. Und am 14. Oktober desselben Jahres findet auf der Albert-Richter-Kampfbahn zum letzten Mal eine Bahnradsportveranstaltung in Halle statt.

Es ist das Ende einer traditionsreichen Ära, die mit der Gründung des Halleschen Bicycle-Clubs im Jahre 1883 begann. Der Radsport, insbesondere der Bahnradsport hatte sich in Halle Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert und Halle eine Spitzenposition im Deutschen Bahnradsport eingebracht. Die Geschichte des Bahnradsports ist jedoch auch eine Geschichte stetig wechselnder Sportstätten. Angefangen bei der Radrennbahn Merseburger Straße, über die Radrennbahn Böllberger Weg und das zwischenzeitlich als Radsportstätte genutzte Kurt-Wabbel-Stadion, fand der Bahnradsport schließlich auf der Albert-Richter-Kampfbahn seine letzte Ruhestätte.

Vom letzten Aufbruch bis zum finalen Niedergang

Ende der 1950er Jahre war der Bahnradsport vor allem im Kurt-Wabbel-Stadion zu Hause. Doch weil dort auch andere Sportarten, wie Leichtathletik und Fußball, stattfanden, wurde eine dauerhafte radsportliche Nutzung unmöglich. Aufgrund des großen Zuschauerzuspruchs der Radsportveranstaltungen im Kurt-Wabbel-Stadion und der großen Radsporttradition der Stadt, wurden in dieser Zeit eifrig Pläne für eine neue Radrennbahn geschmiedet. In diesem Zusammenhang sind die Namen der Radsportler Karl Wesoly, Emil Kirmse und Paul Neustedt, sowie die Radsportabteilung der BSG Motor Halle zu nennen, die den Bau einer neuen Bahn vorantrieben. Die Bahn entstand auf einem Gelände, das bisher schon sportlich genutzt wurde, wodurch die Baukosten reduziert werden konnten. Das 1924 erbaute Sportstadion an der Dessauer Straße, das ab 1945 von der SG Freiimfelde genutzt wurde, verfügte bereits über eine Tribüne für rund 13.700 Zuschauer. Viele freiwillige Helfer, darunter einige aktive Radsportler, bauten das Stadion zu ihrer neuen Wettkampfstätte um. Dank dieses Engagements fand am 28. Juli 1951 die erste Radsportveranstaltung auf dem neuen Zement-Oval an der Paracelsusstraße statt.

Namenspatron der Bahn wurde Albert Richter, Amateur-Fliegermeister von 1932, der seinerzeit oftmals an Radrennen auf der Radrennbahn Böllberger Weg teilnahm. Die offizielle Eröffnung der Albert-Richter-Kampfbahn erfolgte am 5. August 1951 mit den 3. Weltfestspielen der Jugend und Studenten für den Frieden. Etwa 15.000 Besucher waren gekommen, um die Spitzensportler der Bahnradszene zu sehen. Zwar hatte Halle einen bedeutenden Status bei der Nachwuchsförderung, doch als Mitte der 1950er Jahre Leipizig den Zuschlag als Leistungszentrum erhielt, ging in den folgenden Jahren die Auslastung der Albert-Richter-Kampfbahn stetig zurück. Hinzu kam ab 1957 die militärische Nutzung der angrenzenden Kaserne durch die Nationale Volksarmee (NVA), wodurch die Trainingsmöglichkeiten auf der Bahn deutlich eingeschränkt wurden.

Obwohl sich der Radsportler Karl Wesoly nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn 1957 immer wieder für den Erhalt der Albert-Richter-Kampfbahn einsetzte, fand am 14. Oktober 1967 die letzte Radsportveranstaltung dort statt, wobei die Sichtung von Nachwuchsfahrern im Mittelpunkt stand. Anschließend wurde das Gelände zwar noch als Sportstätte genutzt, allerdings bloß noch durch die NVA, die ferner die Albert-Richter-Kampfbahn auch als Lagerstätte für Baumaterialen nutzte. Nach 1990 lag das Gelände brach, ehe die Landesversicherungsanstalt dort ihr Gebäude errichtete. Heute ist die Albert-Richter-Kampfbahn zusammen mit dem Bahnradsport in Halle allgemein ein Teil der Vergangenheit.